wortgeflechte

Komm, geben wir der Nähe ihr Fernweh zurück.

wer länger bleibt

Klein und still liegt der Flughafen von Leh in der wüsten Landschaft. Laut aber ist es in seinem Inneren. Inder wuseln hektisch um zwei Mönche herum, dreimal fällt der Strom aus und wirft so plötzlich wie er verschwindet grelles Licht auf die Reisenden, die ihr Gähnen, Popeln und Grimassenschneiden in Dunkelheit wähnten. Boarding. Alles springt von den Sitzen und hechtet zum einzigen Gate. Die beiden Mönche aber erheben sich achtsam aus den Stühlen und schlendern ans Ende der Schlange. Wer länger bleibt, ist länger da.

die weinenden augen des boudnath

Ein Sonntag in Kathmandu. Der Himmel schüttet den Monsun auf die Stadt hinab, wäscht den Staub von den Straßen und wässert die grünen Parks. Der Monsun aber ist hartnäckig. Er fließt in die Häsuer und Cafés, man schmeißt ihn mit dem Feudel wieder raus und legt „Let it snow“ ins Grammophon. In der Himalayan Times stehen die Zahlen zum Wochenende: Mehr als 32.000 Kilogramm Müll haben sie vom Mount Everest geholt und in Washington werden 50.000 Demonstranten erwartet, um gegen die Einwanderungspolitik ihres Landes zu protestieren. Die Toten vom Mittelmeer aber lassen sich nicht in Zahlen pressen. Jeder Tote ein Toter zu viel. Ich muss an die Tauben vom Boudnath denken, wie Tränen setzen sie sich unter die Augen des heiligen Stupa.

wie der juni riecht

Die wunderbar herzensgute Mademoiselle ReadOn hat nach olfaktorischen Juni-Eindrücken gefragt. Voilà:

Der Juni riecht nach Abenteuer. Nach den staubigen Straßen Indiens, nach reifen Mangos und Eselfell, nach Pappeln und frisch geschöpftem Papier. Dharamsala im Juni aber riecht nach heiligen Kühen und Zuckerwatte. Der Dalai Lama reicht uns die Hand, sie riecht nach frischen Leinen und Lampenöl, nach Jahrhunderte alten Papierrollen und vergilbten Büchern einer kleinen tibetischen Bibliothek. Der Juni riecht nach verwesendem Müll vor den Häusern, nach den Abgasen der Tuks und dem rußenden Diesel der bunten LKW. Modrig riecht es unter den Zeltplanen der Nomaden, eine Mischung aus dem nassen Fell der Hütehunde und frischem Yakkäse strömt an die frische Luft. Ja, der Juni duftet nach Abenteuer. Nach Lagerfeuer unter dem nahen Himalayahimmel, nach hartnäckigem Schnee und Ladakhi Nudelsuppe, nach Zimttee und frischen Momos. Curry und Kloake kitzeln abwechselnd in der Nase und trocknender Yakdung weht von den Häuserwänden herüber. Später aber riecht der Juni nach muffigen Mönchskutten und Räucherwerk, nach Weihrauch und dem Gummi der Luftballons, nach denen die Kinder still und leise verlangen. Nach ihren kleinen schmutzigen Fingerchen in meinem Gesicht und auch nach Sterilium mit Apfelduft, die Patientinnen und Patienten rümpfen die Nase. Der Juni riecht nach den helfenden Händen der wunderbaren Physiotherapeutinnen. Sie versorgen kleine und große Ladakhis in den abgelegensten Orten der nordindischen Bergwelt. Der Juni duftet nach Reis und Dal und Dal und Naan und Naan und Reis. Aber auch nach den Bananenmuffins von der großherzigen Frau C. aus dem HandsOn Café. Und dann ist da noch der Duft von Masala Chai, Masala Chai und Masala Chai. Und natürlich der von tibetischem Buttertee, salzig schmeckt er – die Kekse schmelzen bei dem Geruch dahin und werden ihresgleichen butterweich. In Kathmandu aber riecht der Juni nach nachsaisonalem Smog. Nach der fruchtig-blumigen Puja der Hindi, nach Affenpipi hinter den Tempeln, nach Monsunregen und verbrennendem Menschenfleisch unten am Bagmatifluss. Ja, der Juni riecht nach Abenteuer. Und nach dem großen Gewürzkasten der Welt.

hinter den sieben bergen

Im Winter aber sinkt das Thermometer auf minus 40 Grad. Dann werden die Tiere mit in Wohnzimmer geholt, einen Ofen nämlich gibt es nur selten und wenn, dann wird mit Yakfladen geheizt, die im Sommer zum Trocknen an die Häuserwände geklatscht werden. Es gibt also die Häuser, in denen die Tiere im Winter mit in den Wohnräumen leben. Und dann gibt es noch das andere Haus – das, in dem einer jungen Familienangehörigen der Zutritt versagt wird, zumindest im Sommer. Sie ist geistig und körperlich behindert und sitzt in einem offenen Holzverschlag, Stunde um Stunde, Tag und Nacht. Die junge P. lacht auf, als das Team der wunderbaren REWA Society unangekündigt – es gibt weder Internet noch Telefon noch Briefkasten in den Dörfern Zanskars – den staubigen Weg zum Haus ihres Vaters hinaufkommt. Die junge P. also sitzt in ihrem Verschlag, da sie nicht laufen kann, und lacht uns freundlich entgegen: „Julley, Julley!“ Besuch nämlich bekommt sie selten, nur manchmal, da wirft ein Junge aus der Nachbarschaft einen Blick in ihren Menschenverschlag, auch er ist behindert, er weiß, dass man zusammen mehr lachen kann als allein. Der Radius der jungen P. ist kleiner als die des Wachhundes neben ihr an der Kette. Er bellt, als wir an ihm vorbeischleichen, später werde ich sein Kläffen nachahmen und die junge P. wird Juchzen vor lauter Freude. Nachts aber wird es eisig kalt zwischen den Bergen, die junge P. sitzt unter dem Wurzelholz und hat keine Hosen an, ihre Fußnägel bohren sich in ihre Haut, eine Infektion frisst sich in ihren Körper.

Ihre Geschichte liest sich wie ein Märchen. Es war einmal ein junges Mädchen, das lebte mutterseelenallein hinter den sieben Bergen, zwischen den sieben Häusern. Ihre Mutter aber war verstorben und die böse Stiefmutter scherte sich nicht um ihr Wohlergehen. Ihr Vater war verreist und so kümmerte sich der Großvater um seine Enkelin. Der Großvater aber hatte schon 83 harte Winter auf dem Buckel und so kam er nicht, um das Mädchen zu waschen oder gar königliche Ausfahrten in der hölzernen Kutsche mit ihr zu unternehmen. Er kam, stellte dem Hund und dem Mädchen einen Napf und ein Tellerchen Essen in die offenen Verschläge und buckelte davon. Eines Tages aber kommen drei Helferlein aus dem fernen Leh, sie zu waschen, ihr übers Gesicht zu streicheln, Geschichten zu erzählen. Ihr Gesicht erhellte sich, „Julley, Julley!“ rief sie. Und an dieser Stelle endet das Märchen abrupt. Wir Helferlein nämlich müssen hilflos zurückreiten, über die sieben Berge, hinter die Siebe Dörfer. Ein Märchen aber will weitererzählt werden, mit einer Fee, die kommt, ihre Wunden zu heilen und sie wieder laufen zu lassen, mit einem Prinzen, der auf einem Wildpferd daherreitet, sie zu holen, mit einem königlichen Hochzeitsfest, wehenden Gebetsflaggen und der „Und wenn sie nicht gestorben sind“-Glücksformel. Die Wirklichkeitsformel aber lautet anders: Und wenn ihr nicht geholfen wird, lautet sie. „Und wenn ihr nicht geholfen wird, …“ Der Rest bleibt eine traurige Vermutung.

Tibetische Begegnung

„Come to my house, we are having lunch.” Ein Lächeln, eine Einladung. Karma nimmt mich bei der Hand und führt mich durch die geschäftigen Straßen ihrer kleinen Stadt – der Stadt, in der auch der Dalai Lama wohnt. „His Holiness the 14th of Dalai Lama“, korrigiert sie mich und lächelt. Zwei Betten, ein Tisch, ein selbst gebauter Schrein. Hier lebt die 18-Jährige mit zwei Nonnen auf kleinstem Raum. Die Stadt hat heute kein Wasser und trotzdem werden wir reich bekocht: Reis, gedünstetes Gemüse, Bananen. Ich werfe meinen Blick aus dem Fenster, lege ihn in den Verkehr. Karma aber erkennt die Schüchternheit in der Geste und lacht. So könne ich am nächsten Tag nicht zu His Holiness gehen. „Hier, nimm meine Chupa“, sagt sie und schon finde ich mich in einem knöchellangen Gewand lamaistischer Tradition wieder. Dann erzählt Karma. Davon, wie sie im Alter von fünf Jahren auf dem Rücken ihrer Tante über die Berge von Tibet nach Indien floh. Von ihrer Familie, die sie seitdem nicht wieder gesehen hat, von ihrem Computer- und Chinesischunterricht, von ihren Leben als Refugee. „Chupa“, sagt sie noch einmal und zeigt auf das tibetische Kleid. „His Holiness the 14th Dalai Lama“, fügt sie erinnernd hinzu, lacht und winkt zum Abschied.

Langzeitbelichtetes Grau

5 Uhr morgens. Laut ist die Stille am Rande der kalten Sommernacht. Die Vögel sind längst erwacht, der Rabe aber kräht noch immer den Halbmond an. Die Gebirgskette wäscht sich den Schnee tosend aus dem Gestein.

Der Himalaya weiß nichts von der Faszination, die von ihm ausgeht, nichts von den Touristen, die ihn verehren und ihm Plastikmüll vor die Füße werfen, nichts von den Dramen, die sich an seinen Hängen und Gipfeln ereignen. Mächtig steht er da wie ein meditierender Buddha, keine Wolke vermag ihn zu kitzeln, kein Steigeisen stört ihn in seiner Imposanz.

Später trifft sie auf Ricuh, den alten Hütehund. Treu sind seine Augen und geduldig harrt er aus, bis sie ihr Frühstück mit ihm teilt. Unten in Mcleod Ganj aber ist der Flötenspieler heute glücklich, hat er doch eines seiner handgemachten Instrumente verkauft. Er lädt sie zum Musizieren ein, gegenüber kaufen zwei Mönche neue Boxershorts. Dann fällt der Himmel auf sie herab. Es regnet und kracht, es blitzt und donnert, kein Licht mehr beleuchtet die tibetischen Gebirgsflaggen. Die Welt rückt in der Dunkelheit zusammen und sie langzeitbelichtet das Grau.

was man sagt

Am Flughafen heißen die Läden lentoasemamyymälä, man kauft geräucherte Rentierchips und überall ist Muminsland. Geschichten werden durch den Transitort aneinander vorbei geschoben, ohne dass jemand nach ihnen fragt. Im Flugzeug aber, da gibt es beizeiten noch Begegnungen jenseits von Smartphone und Tablet. Menschen treffen sich als Fremde und legen doch ihre Oberfläche ein Stück weit frei. Der alte Herr O. zum Beispiel ist Medizintechniker. Seit seine Jugendliebe im zarten Alter von 25 Jahren verstarb, hat sich Herr O. der Krebsforschung verschrieben und fliegt nun auf einen Kongress, um einen Vortrag über Deep learning zu hören. Vielleicht, so hofft er, kann er das neu erlernte Wissen anwenden, wenn er seine Roboter entwickelt. In Lappland, da habe er mal einen Tag übersprungen, weil es im Sommer nicht dunkelt, er jeden Tag länger am Lagerfeuer saß und darüber das Zeitgefühl verlor.

Man sagt, eine Brieftaube brauche 50 Stunden für einen Flug von Helsinki nach Neu Delhi.