wortgeflechte

Komm, geben wir der Nähe ihr Fernweh zurück.

Tibetische Begegnung

„Come to my house, we are having lunch.” Ein Lächeln, eine Einladung. Karma nimmt mich bei der Hand und führt mich durch die geschäftigen Straßen ihrer kleinen Stadt – der Stadt, in der auch der Dalai Lama wohnt. „His Holiness the 14th of Dalai Lama“, korrigiert sie mich und lächelt. Zwei Betten, ein Tisch, ein selbst gebauter Schrein. Hier lebt die 18-Jährige mit zwei Nonnen auf kleinstem Raum. Die Stadt hat heute kein Wasser und trotzdem werden wir reich bekocht: Reis, gedünstetes Gemüse, Bananen. Ich werfe meinen Blick aus dem Fenster, lege ihn in den Verkehr. Karma aber erkennt die Schüchternheit in der Geste und lacht. So könne ich am nächsten Tag nicht zu His Holiness gehen. „Hier, nimm meine Chupa“, sagt sie und schon finde ich mich in einem knöchellangen Gewand lamaistischer Tradition wieder. Dann erzählt Karma. Davon, wie sie im Alter von fünf Jahren auf dem Rücken ihrer Tante über die Berge von Tibet nach Indien floh. Von ihrer Familie, die sie seitdem nicht wieder gesehen hat, von ihrem Computer- und Chinesischunterricht, von ihren Leben als Refugee. „Chupa“, sagt sie noch einmal und zeigt auf das tibetische Kleid. „His Holiness the 14th Dalai Lama“, fügt sie erinnernd hinzu, lacht und winkt zum Abschied.

Langzeitbelichtetes Grau

5 Uhr morgens. Laut ist die Stille am Rande der kalten Sommernacht. Die Vögel sind längst erwacht, der Rabe aber kräht noch immer den Halbmond an. Die Gebirgskette wäscht sich den Schnee tosend aus dem Gestein.

Der Himalaya weiß nichts von der Faszination, die von ihm ausgeht, nichts von den Touristen, die ihn verehren und ihm Plastikmüll vor die Füße werfen, nichts von den Dramen, die sich an seinen Hängen und Gipfeln ereignen. Mächtig steht er da wie ein meditierender Buddha, keine Wolke vermag ihn zu kitzeln, kein Steigeisen stört ihn in seiner Imposanz.

Später trifft sie auf Ricuh, den alten Hütehund. Treu sind seine Augen und geduldig harrt er aus, bis sie ihr Frühstück mit ihm teilt. Unten in Mcleod Ganj aber ist der Flötenspieler heute glücklich, hat er doch eines seiner handgemachten Instrumente verkauft. Er lädt sie zum Musizieren ein, gegenüber kaufen zwei Mönche neue Boxershorts. Dann fällt der Himmel auf sie herab. Es regnet und kracht, es blitzt und donnert, kein Licht mehr beleuchtet die tibetischen Gebirgsflaggen. Die Welt rückt in der Dunkelheit zusammen und sie langzeitbelichtet das Grau.

was man sagt

Am Flughafen heißen die Läden lentoasemamyymälä, man kauft geräucherte Rentierchips und überall ist Muminsland. Geschichten werden durch den Transitort aneinander vorbei geschoben, ohne dass jemand nach ihnen fragt. Im Flugzeug aber, da gibt es beizeiten noch Begegnungen jenseits von Smartphone und Tablet. Menschen treffen sich als Fremde und legen doch ihre Oberfläche ein Stück weit frei. Der alte Herr O. zum Beispiel ist Medizintechniker. Seit seine Jugendliebe im zarten Alter von 25 Jahren verstarb, hat sich Herr O. der Krebsforschung verschrieben und fliegt nun auf einen Kongress, um einen Vortrag über Deep learning zu hören. Vielleicht, so hofft er, kann er das neu erlernte Wissen anwenden, wenn er seine Roboter entwickelt. In Lappland, da habe er mal einen Tag übersprungen, weil es im Sommer nicht dunkelt, er jeden Tag länger am Lagerfeuer saß und darüber das Zeitgefühl verlor.

Man sagt, eine Brieftaube brauche 50 Stunden für einen Flug von Helsinki nach Neu Delhi.

wenigstens

„Bleib noch eine Weile“, möchte sie manchen Tagen ins Ohr flüstern. „Wenigstens für immer.“

wenigstens

„Bleib noch eine Weile“, möchte sie manchen Tagen ins Ohr flüstern. „Wenigstens für immer.“

meeresspiegel

Das Blaue vom Himmel, gespiegelt im Meer. „Das Schiff“, sagt sie und gähnt in den frühen Morgen hinein, „das Schiff, mit dem ich heute Nacht unterging, sah aus wie ein Wal.“ Dann beginnt der Sommer.

Zwischen den Ländern

Drei Sprachgrenzen später. Die Landschaft liegt eingemummelt im Nebel, als wolle der Winterschlaf nicht enden. Das Meer gähnt kurz, dann wird es wieder ruhig zwischen den Ländern. Die Möwen aber wissen, der Frühling ist nicht weit. Sie bauen ihre Nester zwischen den Stacheldraht, der das Fremde vom Eigenen trennen soll, das Außen vom Innen, das Ihr vom Wir. Die Möwen aber wissen das nicht. Sie nächtigen weiter zwischen dem Stacheldraht, fliegen hin und her zwischen den Ländern, oui, oui, the grass is nämlich always greener on the other side, c’est sûr. The other side aber, die bleibt bisweilen unerreichbar fern. Eine Meerenge, so groß wie ein ganzes Leben.