Langzeitbelichtetes Grau

von wortgeflechte

5 Uhr morgens. Laut ist die Stille am Rande der kalten Sommernacht. Die Vögel sind längst erwacht, der Rabe aber kräht noch immer den Halbmond an. Die Gebirgskette wäscht sich den Schnee tosend aus dem Gestein.

Der Himalaya weiß nichts von der Faszination, die von ihm ausgeht, nichts von den Touristen, die ihn verehren und ihm Plastikmüll vor die Füße werfen, nichts von den Dramen, die sich an seinen Hängen und Gipfeln ereignen. Mächtig steht er da wie ein meditierender Buddha, keine Wolke vermag ihn zu kitzeln, kein Steigeisen stört ihn in seiner Imposanz.

Später trifft sie auf Ricuh, den alten Hütehund. Treu sind seine Augen und geduldig harrt er aus, bis sie ihr Frühstück mit ihm teilt. Unten in Mcleod Ganj aber ist der Flötenspieler heute glücklich, hat er doch eines seiner handgemachten Instrumente verkauft. Er lädt sie zum Musizieren ein, gegenüber kaufen zwei Mönche neue Boxershorts. Dann fällt der Himmel auf sie herab. Es regnet und kracht, es blitzt und donnert, kein Licht mehr beleuchtet die tibetischen Gebirgsflaggen. Die Welt rückt in der Dunkelheit zusammen und sie langzeitbelichtet das Grau.